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Rezension: "Das brennende Mädchen" - Claire Messud

Claire Messud erzählt eine Geschichte von Freundschaft und Verlust, vom Sich-nah-sein und Sich-voneinander-entfernen. Es ist die Geschichte von Julia und Cassie, die schon seit Kindergartenzeiten miteinander befreundet sind und dich sich im Erwachsenwerden entfremden. Als Julia den Verlust realisiert, ist es bereits zu spät - im Rückblick nimmt sie den Leser mit und versucht eine Erklärung zu finden, wie es zu dem Verlust hatte kommen können.

 

Julias Familie ist auch für Cassie eine Familie - Cassie die allein mit ihrer Mutter und der Fehlstelle des Vaters leben muss. Beide Mädchen sind füreinander die Schwestern die sie nie hatten. Den ersten Knick bekommt die Beziehung der beiden durch eine unüberlegte Äußerung Julias, die Cassies Vater als Beispiel für die Existenz von Geistern anführen möchte. Cassie ist jedoch davon überzeugt, dass ihr Vater ein Engel ist, der sie beschützt. - "Wenn man bedenkt, dass ich all das wusste und mir über ihre Gefühle im Klaren war, hätte ich niemals so reden dürfen, als hätte ich keine Ahnung, was er ihr bedeutet. Sie erwähnte es nicht wieder, aber es war eines dieser Ereignisse, die klein und groß zugleich waren."

Es ist dieser eine Sommer, dieser letzte Sommer, bevor sich die beiden verlieren und die Mädchen verbringen ihre Zeit in einer stillgelegten Nervenklinik. Es ist ihr Rückzugsort und ihr Geheimnis - etwas, das nur die beiden teilen. Dies ist anscheinend nicht das einzige Geheimnis, denn zumindest Cassie hat zuhause wenig Rückhalt. - "Cassie hatte mühsam lernen müssen, ihrer Mutter nicht mehr zu vertrauen."
Am Ende des Sommers kommen die beiden in die siebte Klasse, es beginnt eine Zeit der Veränderungen. Julia nimmt an höheren Klassen teil und hat somit keine Zeit mehr für Cassie und Cassie findet eine neue beste Freundin.

Doch Julias Gefühl der engen Verbundenheit mit Cassie hält an, sie verfolgt aus der Ferne, wie Cassie unter dem neuen Freund ihrer Mutter leidet und die Familienbande hier immer dünner werden. Als Cassie schließlich keinen Ausweg mehr sieht, ist es Julias Intuition, die ihr das Leben rettet.

 

Claire Messud schreibt zielgerichtet und ohne Pathos - schnörkellos und mit dem Blick für das Wesentliche. Sie fängt die kleinen Momente ein, die die zwischenmenschlichen Beziehungen ausmachen und vermittelt glaubhaft, wie kleine Begebenheiten große Wirkungen entfalten. Mir hat insbesondere die Art gefallen, wie Messud die Mädchen darstellt. Vieles kam mir aus meiner eigenen Erfahrung bekannt vor.

Meine Empfehlung: Lesen!

Und wer gerne Geschichten liest, die an die eigene Kindheit erinnern und die nicht-enden-wollende-Sommer heraufbeschwören, sollte auch das ebenfalls neu erschienene Buch "El Greco und ich" von Mark Thompson beachten. Auch hier eine klare Leseempfehlung!

 

Claire Messud

"Das brennende Mädchen"

Hoffmann und Campe, ISBN 978-3-455-00392-5, 20€

 

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