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Rezension: "Nullzeit" - Juli Zeh

Nach "Neujahr", in das ich mich im vergangenen Jahr schockverliebt hatte, war klar, irgendwann muss ich mich erneut an Juli Zeh wagen, zu gut hat mir ihr Stil gefallen. Als ich dann in der Buchhandlung über "Nullzeit" gestolpert bin, wusste ich, dass die Zeit nun reif ist. Das Buch ist sodann auch gar nicht erst auf den Stapel ungelesener Bücher gewandert, sondern war im Mai bei den ersten sommerlichen Temperaturen meine erste Balkonlektüre.

 

Sven und Antje, der Ich-Erzähler und seine Freundin, leben auf einer kleinen spanischen Insel, in einem winzigen Dorf, das hauptsächlich aus Bauruinen besteht. Hier ganz am Ende des Dorfes, weit ab jeder Zivilisation, haben sie sich einen Auswanderertraum erfüllt. Sie besitzen ein kleines Haus und einen Anbau mit einer Ferienwohnung. Sven betreibt eine Tauchschule und Antje übernimmt das Organisatorische.

Die Idylle bricht als neue Gäste auf die Insel kommen - Theo und Jola haben Sven vierzehn Tage exklusiv gebucht. Sven holt die beiden vom Flughafen ab, wie immer hat Antje am ersten Abend für alle gekocht jedoch wird schnell klar, Theo und Jola sind nicht wie andere Gäste. Das ungleiche Paar, er alternder, erfolgloser Schriftsteller, sie junge Serienschauspielerin ohne Aussicht auf eine große Rolle, gönnt sich gegenseitig nicht das Schwarze unter den Nägeln. Beide sticheln und provozieren sich, wo es nur geht. Dabei werden sie auch handgreiflich, allerdings immer so, dass es nach einem Unfall aussieht. Gleich bei den ersten Tauchvorbereitungen stößt Theo Jola auf ufernahen Steinen in einen Seeigel. Jolas Retourkutsche lässt nicht lange auf sich warten - bei einem Tauchgang stößt sie Theo in einen Stachelrochen. Ein anderes Mal manipuliert sie die Ventile seiner Flasche, so dass er beinah unter Wasser erstickt.
Sven, der das Geld für diesen Auftrag dringend braucht, versucht so normal mit den beiden umzugehen, wie möglich. Doch dieses Vorhaben sabotiert Jola, indem sie sich gekonnt an Sven heranschmeißt. Und Theo, der das Verhalten seiner Freundin sehr wohl mitbekommt tut nichts, um das Unausweichliche zu verhindern. Beide suhlen sich in ihrer jeweiligen Rolle - Sven dient beiden nur als Spielball für ihre Machtspielchen.

Durch die Affäre oder das, was nach einer Affäre aussieht haben schnell alle Inselbewohner, vorallem aber Svens engste Vertraute Vorbehalte ihm gegenüber. Als Svens 40. Geburtstag näher rückt und damit der Tag, an dem sich Sven selbst mit einem besonderen Tauchgang beschenken wollte, wenden sich seine Freunde vollends ab. Um den Tauchgang doch durchführen zu können, lässt er sich darauf ein, dass Theo und Jola ihn begleiten und das Boot in Position halten, während er ein Wrack untersucht. Es kommt zum großen Showdown, der Svens entgültigen Untergang besiegelt und sein Leben auf der Insel komplett über den Haufen wirft.

 

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Sven. Allerdings sind immer wieder Tagebuchauszüge von Jola eingestreut, die das Geschehen häufig sehr unterschiedlich zu Svens Version darstellen. Während des Lesens war mein Eindruck, dass Jola ziemlich überspannt ist und sie sich in ihrem Tagebuch wilde Fantasien zusammenspinnt. Am Ende des Romans auf den letzten Seiten sind mir allerdings Zweifel gekommen und ich habe überlegt, ob vielleicht Jolas Variante diejenige war, die tatsächlich passiert ist. Unfassbar, was die Geschichte dadurch am Ende für eine Wendung bekommen kann.

 

Wie schon in "Neujahr" schafft Juli Zeh mit der Enge des Raumes und der Begrenzung des Personals eine ganz besondere, leicht klaustrophobische Atmosphäre. Dies wird in "Nullzeit" auch dadurch verstärkt, dass weite Passagen unter Wasser spielen - eine ungewöhnliche Perspektive für einen Roman.

 

Alles in allem war es erneut ein intensives Buch. Es war erschreckend, abgründig, klaustrophobisch, aufwühlend, mitreißend und umklammernd. Alles was mir an "Neujahr" gefallen hat, war auch hier vorhanden, aber noch ein Stück intensiver: die absolute Fixierung der Geschichte auf die drei Personen, das absolute Unvermögen der Personen miteinander zu kommunizieren und hier (im Unterschied zu "Neujahr") die Spirale psychischer Gewalt, die sich langsam aber sicher abwärts bewegt.

Selten waren mir Romanfiguren so unsympathisch und unangenehm wie Theo und Jola. Aber auch Sven hätte ich an der einen oder anderen Stelle gerne aus dem Buch genommen, heftig geschüttelt und ihn gefragt, ob er noch bei Trost ist und ob er nicht endlich bitte irgendwann den Mund aufmachen will. Wahlweise hätte ich ihn für seine Hilfslosigkeit und Naivität gerne tröstend in den Arm genommen.

 

Es ist eine Geschichte, die mich eingesaugt hat, die sich festgesetzt hat, die sich anfühlt, als würden Hände nach dir greifen und dich berühren. Ganz am Rande: das Cover passt dahingehend unwahrscheinlich gut zum Lesegefühl.
Seit Isabelle Auttisiers "Herz auf Eis" hat mich kein Buch so sehr mitgenommen wie dieses. Wer es noch nicht kennt, dem lege ich es dringend ans Herz!

Für mich wird es nicht die letzte Juli Zeh gewesen sein. Gerade heute sind "Corpus Delicti" und "Spieltrieb" bei mir eingezogen, die ich schon sehr bald lesen möchte.

 

Juli Zeh

"Nullzeit"

btb-Verlag, ISBN 978-3-422-74569-2, 10€

 

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