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Neu auf dem Blog - Minimalismus - Ein Projekt

Minimalismus - Jeder von uns hat dieses Wort wohl schon einmal gehört. Derzeit ist Minimalismus in, genauso wie Achtsamkeit oder das berühmte "bewusster Leben". Viele Menschen wünschen sich minimalistischer zu leben und haben dabei Bilder von stylischen, beinah vollkommen leeren Altbauwohnungen vor Augen, durch deren weit geöffnete Fenster die Sonnenstrahlen auf den Dielenboden fallen und sich weiße dünne Vorhänge im Wind bauschen. Dagegen sieht eine beinah leere Zweizimmerwohnung in einem Plattenbau mit PVC-Fußboden eher trostlos als wohnlich und deutlich weniger erstrebenswert aus.

Für mich ist es fraglich, ob die geläufigsten Bilder, die viele von uns mit Minimalismus verbinden, überhaupt praktikabel sind oder einem realen Alltag entstammen. Tiere und Kinder scheinen in solchen Wohnungen jedenfalls nicht zu leben, allenfalls dekorative Katzen, die sich genüsslich am Boden in der Sonne (auf dem Dielenboden) räkeln.
Minimalismus verbinden viele Menschen damit sich von Besitz zu trennen - unzähliche Blogs und Videos zum Aufräumen, Umräumen, Ausmisten und platzsparendem Falten von Kleidung kursieren. Aber nicht für jeden passt es sich in allen Bereichen des Wohnens und Lebens von beinah allem zu trennen, bis am Ende nur noch 100 oder 200 Teile in der Wohnung verbleiben (natürlich inklusive der Zahnbürste). Jemand der in seinem Job einen Dresscode hat, wird am Ende mehr Teile in seinem Kleiderschrank haben als jemand, der tagtäglich in seinem Casual-Look herumläuft. Jemand der leidenschaftlich kocht und Torten bäckt wird am Ende mehr Dinge in seiner Küche für dringend nötig erachten, als jemand, der sich von Rohkost und Salaten ernährt.
Und die Unterschiede machen auch an der Wohnungstür nicht halt. Wandern oder Pilgern, der Inbegriff des minimalistischen "Urlaubs" (du bist ja nur mit einem Rücksack unterwegs), ist auch nur so lange erstrebenswert, wie du nicht ein Rückenleiden oder sonstige körperliche Einschränkungen erlebst. Und auch Urlaub auf Balkonien kann schön sein, ja klar, aber wenn du einer derjenigen Menschen bist, die unter starkem Fernweh leiden, dann wird dich Urlaub auf Balkonien leider nie vollständig glücklich machen.

 

Es scheint als sei Minimalismus etwas, dass mit einem größt möglichen Verzicht einhergeht. Aber ist das wirklich so? Ich denke: "NEIN".
Für mich ist Minimalismus etwas, das für jeden anders ist und sein darf. Es ist etwas, das jeder Mensch für sich definieren darf, um es auf sein eigenes Leben anzuwenden. Minimalismus ist für mich nichts, was man einschalten kann und es ist da, nichts, was man einmal macht und dann ausgesorgt hat. Vielmehr ist Minimalismus für mich eine grundlegende Einstellung zu den Dingen, etwas, das sich verändern darf, sich immer wieder neu an das Leben anpasst, etwas, das das Leben nicht ärmer macht sondern reicher. Minimalismus ist für mich kein größt möglicher Verzicht, sondern eine Möglichkeit in vielen Bereichen eine große Bereicherung zu erfahren.

 

Ich bin schon eine ganze Zeit mit dem Thema (still und leise und ganz für mich) beschäftigt. Angeregt durch die Neuerscheinung aus dem GU-Verlag "Das Minimalismus-Projekt" von Christof Herrmann, habe ich nun richtig Lust bekommen, das Thema noch einmal anzugehen und über den einen oder anderen Punkt in meinem Leben erneut nachzudenken.

Ich möchte euch einladen mich in dieser Rubrik meines Blogs auf der Reise durch mein persönliches Minimalismus-Projekt zu begleiten. Dabei geht es mir nicht darum am Ende als einsame Asketin auf meinem Yogakissen zu hocken und euch zu missionieren. Ich tue das, was passieren wird aus freien Stücken und ganz für mich. Fühl dich frei dabei mitzumachen, mitzudenken, Dinge aus deiner Perspektive und Lebenssituation heraus zu beleuchten, aber sieh es nicht als Wettkampf. Auch ohne Minimalismus kann man gut und zufrieden leben - jeder entscheidet ganz für sich, was gut für ihn oder sie ist.

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Kommentare: 2
  • #1

    Yvonne (Donnerstag, 08 Oktober 2020 08:38)

    So ein wunderbarer, differenzierter Blick auf dieses Thema - ganz große Klasse! Ich freue mich schon auf die folgenden Beiträge.

  • #2

    Thomas Spranger und Maria Beege (Montag, 16 November 2020)

    Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich finde auch, dass es sehr wichtig ist, sich selber Gedanken darüber zu machen, was im eigenen Leben Platz haben soll. Das fängt bei uns schon beim wöchentlichen Einkauf an. Ich mag zum Beispiel keine Plastikverpackungen. Mir ist es viel lieber, im Unverpacktladen einzukaufen. Da nehme ich dann meine eigenen Taschen und Gläser mit, in die die Waren daran hineinkommen. Schade, dass es das noch nicht so oft gibt. Wir mussten in unserer Stadt sehr lange darauf warten, dass ein Unverpacktladen eröffnete. Jetzt bin ich viel entspannter beim Einkaufen, weil ich zuhause angekommen, keine Zeit für die Entsorgung von Verpackungsmaterialien verschwenden muss.
    Zum Thema Kleindung haben wir uns auch so unsere Gedanken gemacht. Es kommt hier schon einiges zusammen in einem vierköpfigen Familienhaushalt. Das Wäschewaschen nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Ständig müssen wir nach Farben und Materialien trennen, damit es separat gewaschen werden kann. Mittlerweile sind wir der Ansicht, dass es für ein minimalistische Leben, das wir bevorzugen, viel zeitsparender ist, Kleidungsstücke nur in einer Farbe zu kaufen. Und auch nur jene Stücke, die wir wirklich benötigen. Wir brauchen keine 5 Wintermäntel oder 10 Paar Schuhe. Alle müssen doch geputzt, gepflegt und aufgeräumt werden. Hier gilt für uns auch: Weniger ist mehr Zeit für wichtigere Dinge.
    Es tut so gut, wenig Balast im Leben mit sich zu schleppen. Es lebt sich einfach viel leichter, wenn man nicht zu viel besitzt. Denn jeder Besitz benötigt Zeit, Geld und Aufmerksamkeit. Wir finden es in unserer Familie viel wichtiger, Zeit für und miteinander zu haben. Der tägliche Alltag mit Job, Schule und Kindergarten raubt uns schon soviel unserer Lebenszeit, in der wir nicht zusammen sein können. Unsere Traumsituation wäre es deshalb, dass jeder von uns Erwachsenen nur halbtags arbeiten müsste. Das streben wir an und hoffen, es in Zukunft umsetzen zu können.
    Alles in allem ist ein minimalistischer Lebensstil für uns der beste Weg im Leben.